Die Stadt im Blumenthal

Eine Sage aus der Gemeinde Prötzel, Landkreis Märkisch-Oderland

Nordöstlich von Straußberg und westlich von dem Dorfe Prötzel liegt unweit der Chaussee, die von Tiefensee nach Müncheberg führt, mitten in einem herrlichen Eichwalde und ziemlich auf der höchsten Erhebung eines oft aus sehr steilen Hügeln und Thälern bestehenden Plateaus, ein Flecken Landes, welches in der ganzen Umgegend den Namen der Stadtstelle führt. Noch vor wenigen Jahren war auch diese mit sehr alten Eichen bestanden, aber jetzt sind sie gefällt, und man hat westlich einen freien Blick bis zu dem etwa eine Viertelmeile entfernten Heidekrug, östlich bis zu dem unweit Prötzel gelegenen Hammelstall, nördlich und südlich ist der Blick durch Eichen- und Fichtenwald begrenzt.

Jetzt wird dieser Flecken Landes, ungeachtet der Boden mit gewaltigen Massen bald kleinerer, bald größerer Steine bedeckt ist, mit Getraide bestellt, und nur, wo sich die Anhöhe nach Osten zu senkt, hat man eine größere Eiche stehen lassen, zum Andenken daran, daß hier einst eine Stadt gestanden, die untergegangen ist. Unter dieser Eiche liegt nämlich ein großer Granitblock, der von ziemlich viereckiger Gestalt und oben geebnet ist; er hat eine Breite und Länge von etwa acht Fuß, liegt aber, wie es scheint, sehr tief in der Erde.

Dieser Stein soll, wie erzählt wird, die Stelle bezeichnen, wo der Marktplatz der untergegangenen Stadt lag, und in seiner Nähe erstrecken sich, in einer Höhe von etwa zwei Fuß über dem Boden und fast in der ganzen Ausdehnung des jetzigen Feldes, Steinwälle, die tief in die Erde hinabgehen. Das sollen die Fundamente der Häuser jener Stadt sein.

Noch vor hundert Jahren konnte man hier, nach Beckmann's Beschreibung, die Spuren einer Hauptstraße, welche die Richtung nach Straußberg hielt, und von sechs Querstraßen finden; außerdem waren noch verschiedene Gruben als Ueberreste von Kellern oder Brunnen zu sehen, und vier ummauerte Plätze, die, wie er meint, der Nachlaß von Kirche, Rathhaus, Schloß, Kloster oder dergleichen gewesen sein mögen. Innerhalb dieses Raumes liegen auch drei runde Hügel, von denen man sagte, daß sie Begräbnißhügel seien.

Das Alles ist jetzt zum größeren Theil verschwunden, aber von dieser Stadtstelle haben sich noch mannichfaltige Sagen, namentlich in Straußberg, erhalten.

Eine alte 73jährige Frau erzählte darüber, wie sie von einem 83jährigen Schäfer in ihrer Jugend gehört, der es von seinem Großvater vernommen habe, daß im Blumenthal einst eine sehr schöne Stadt mit guter Nahrung gestanden habe, die durch ein Erdbeben zerstört worden sei. Sie selbst habe noch den Kirchhof und den Grabstein des Predigers gesehen, auf dem mit großen Buchstaben zu lesen gewesen: »Prediger Troschel, gebürtig aus Marienwerder«, doch können sie sich der Zahlen des Geburts- und Todesjahrs desselben nicht mehr genau entsinnen.

Der Schäfer, dessen Vater schon immer in diesem Irrgarten, in dem die schönsten Mallinekens (Himbeeren), weiße Johannisbeeren, Stachelbeeren, Haselnüsse gestanden, gehütet hatte, erzählte ihr einst, als er auf einem Eichenstumpf saß, auf diesem hätte sein Großvater alle Morgen einen Groschen gefunden (es war aber noch einer von den alten, von denen 24 auf einen Thaler gingen), das hätte er aber niemand sagen dürfen, sonst hätte er ihn nicht mehr bekommen. Er that daher das Geld stets heimlich in einen Sack und bewahrte den an einem sichern Ort.

Einst mußte er ihn aber da fortnehmen, nachdem er 9 Jahre lang alle Tage seinen Groschen erhalten hatte, und versteckte ihn deshalb in seinem Strohsack. Als nun seine Frau das Bett macht, findet sie den Sack und schilt nun auf ihren Mann los, sie habe so lange geglaubt einen ehrlichen Mann zu haben, und sehe nun, daß er ein Spitzbube sei. Da erzählte ihr der Mann, um sich vom Verdacht zu reinigen, woher er das Geld habe, aber des andern Morgens war auch kein Groschen mehr auf dem Eichenstumpf, und nie hat er wieder einen bekommen.

Seltsam ist auch, was dem Vater des Schäfers dort mit seinem Hunde begegnet, so lange er den nämlich gehabt, ist der Hund, der den ganzen Tag über nichts fraß, Mittags in ein kleines Loch auf der Stadtstelle gekrochen, und wenn er auch noch so dünn hineinging, kam er doch immer wohlgenährt heraus, und hatte sich oft so rund gefressen, daß ihm die Wampe bis auf die Erde hing. Der Schäfer behauptete aber steif und fest, »då mütten Lüüde in west sinn, dee den Hund föddert hebben!«

Einige sagen auch, auf der Stadtstelle zeige sich öfters eine weiße Frau, welche ein verwünschtes Fräulein sei, und auf dem Marktsteine sei noch eine Menschen- und Pferdetrappe sichtbar, woran man sehn könne, daß auch der Teufel dort sein Wesen getrieben.
Aus: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin: Reimer, 1843, e-book-Sammlung zeno.org

*Die ursprüngliche Schreibweise und Rechtschreibung wurden beibehalten.