Die verwünschte Prinzessin auf den Müggelsbergen

Eine Sage aus Berlin-Köpenick

Bereits Beckmann (Beschreib. d. Mark Brandenb. I. 1098) erzählt »von einem gewissen Steine auf den Müggelsbergen, der auf einem etwas niedrigen Hügel liege, ungefähr 7 Fuß lang und 6 Fuß breit und von weißlicher Farbe sei, und unter dem, der Sage nach, ein Schatz verborgen liege.« Er sagt ferner: »Ingleichen erzählet man, daß sich vor diesem eine ansehnliche Jungfrau daselbst sehen lassen, welche vorgegeben, verwünscht zu sein, und, um davon befreit zu sein, verlanget hätte, um die Kirche von Köpenick herum getragen zu werden, so aber nicht gelingen wollen.« Es mag ihm aber wohl nicht der Mühe werth geschienen haben, Alles so genau und ausführlich zu berichten, wie man sichs heut noch in Müggelsheim und Köpenick erzählt.

Der Stein, von dem er erzählt, liegt jetzt nicht mehr auf den Bergen; so erzählen wenigstens die Müggelsheimer, welche behaupten, die sämmtlichen Brunnen ihres Dorfes seien, nachdem er zersprengt worden, daraus gebaut. Sein Name war der Teufelsaltar, und an der Stelle, wo er gelegen, sieht man oft ein Feuer, das so hell leuchtet, daß man es sogar schon in Müggelsheim gesehen, ist man aber in seiner Nähe und spricht, so verschwindet es. Andere sagen auch, es sei kein Feuer, was einen solchen Schein verbreite, sondern eine große glänzende Kanne von gelber Farbe.

In Köpenick dagegen behauptet man, der Stein (den man hier den Prinzessinnenstein nennt) liege noch auf einem der Vorberge in der Nähe des Teufelssees, welcher hart am Fuße der Berge liegt und rings von dunkeln Fichten und Moorgrund umgeben ist. Das Wasser dieses Sees ist von dunkler, fast schwarzer Farbe, und obgleich er nur klein ist, hat man sich doch bis jetzt vergeblich bemüht, ihn zu ergründen. Ferner erzählt man von oben erwähntem Stein, er liege an der Stelle eines prächtigen Schlosses, in welchem eine schöne Prinzessin gewohnt, die nun verwünscht und mit dem Schloß in den Berg versunken sei.

Sie kommt jedoch noch zuweilen zum Vorschein; unter dem Steine nämlich geht ein Loch tief in den Berg hinein, daraus sieht man sie Abends als altes Mütterchen am Stabe gebückt hervortreten. Andere haben sie auch, namentlich um Mittag, als schönes Weib am Ufer des Teufelssees sitzen sehen, wie sie sich im Wasser beschaute und ihre langen Haare kämmte. So sah sie einst ein kleines Mädchen aus Köpenick, das in der Nähe mit ihrer Mutter Beeren gesucht, von jener sich zu weit entfernt hatte und, da es dieselbe nicht wieder finden konnte, weinend im Walde umher irrte; da hats die Prinzessin denn mit sich hinuntergenommen in ihr Schloß und reich beschenkt nach kurzer Zeit wieder heraufgebracht.

Sieht man sie am Abend aus dem Berge hervorkommen, so erblickt man ein Kästchen, das schieres Gold enthält, in ihrer Hand; das soll der haben, welcher sie dreimal um die Kirche von Köpenick trägt und sich dabei nicht umsieht, denn dadurch wird sie erlöst. Einen hat's einmal nach dem Golde gelüstet und er hat das Wagstück unternommen. Da nahm er sie denn auf den Rücken, denn sie war federleicht und schritt mit ihr nach Köpenick zu, aber je näher er der Stadt kam, desto schwerer wurde sie; doch er hielt tapfer aus und kam endlich mit ihr zur Stadt.

Nun begann er seinen Umgang um die Kirche, da aber erschienen plötzlich Schlangen und Kröten und allerhand scheußliche Thiere mit feurigen Augen, kleine Leute stürzten wild hinter ihm her und warfen ihn mit Holzblöcken und Steinen, aber er ließ sich durch das Alles nicht irren und schritt getrost vorwärts. So war er schon bis zum dritten Umgang gekommen und hatte fast seine Aufgabe vollendet, als er einen fürchterlich rothen Schein erblickte, wie wenn ganz Köpenick in Flammen stände, da vergaß er das Verbot und sah sich um, aber im Angenblick war auch Alles verschwunden und ein heftiger Schlag raubte ihm das Leben.

Auf dem Kiez bei Köpenick wohnte vor vielen Jahren ein Fischer, Namens Buke, welcher die Fischerei auf der Müggel hatte. Der sah oft, wenn er am hellen Mittag seine Netze warf, einen mit vier Pferden bespannten Wagen, auf dem eine weiße Gestalt saß, von den Müggelsbergen herunterfahren; alle vier Pferde aber hatten keine Köpfe. Nachdem er nun mehrmals diese Erscheinung gehabt und er sie eines Tages abermals sah, war's ihm, als höre er eine Stimme, die ihm zurufe, er solle Nachts um 12 Uhr auf den Kirchhof zu Köpenick kommen und warten, da würde die Prinzessin erscheinen, und wenn er diese dreimal um die Kirche herumgetragen, ohne sich umzusehen, so würde dieselbe erlöst sein, und er den großen Schatz bekommen, der unter dem Steine liege.

Da ist er denn auch Nachts hingegangen und hat seinen Marsch mit der Prinzessin auf dem Rücken begonnen, aber kaum war das geschehen, so sah er einen großen, gewaltig schwer beladenen Heuwagen heranfahren, den zogen vier kleine Mäuse, und das war ihm so grausig, daß er dem Wagen im Vorbeifahren unwillkührlich mit den Augen folgte, und sich endlich ganz umsah; aber in demselben Augenblick bekam er ein Paar derbe Ohrfeigen und Prinzessin und Wagen waren verschwunden. Andere sagen auch, er hätte keinen weiteren Spuk gesehen, aber seine Frau, die schon längst auf ihn eifersüchtig war, hätte ihn durch die Ohrfeigen zum Umsehn gebracht, und ihn tüchtig ausgescholten.
Aus: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin: Reimer, 1843, e-book-Sammlung zeno.org

*Die ursprüngliche Schreibweise und Rechtschreibung wurden beibehalten.