Brandenburger Aberglaube in den Rauhnächten

Aberglaube hatte in Brandenburg wie auch anderswo oft mit Ängsten zu tun. Bauern hatten Angst vor Missernten, Feuersbrunst oder Viehsterben. Vor allem junge Mädchen hatten Angst davor, unverheiratet und damit unversorgt zu bleiben. Ehefrauen befürchteten, keine Kinder zu bekommen. Das Wetter, die Gesundheit der Tiere und die Aussicht auf einen Ehemann waren daher wichtige Themen und so wurde versucht, mit verschiedenen Methoden etwas nachzuhelfen.

Die Zeit zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem Epiphaniasfest beziehungsweise Dreikönigstag am 6. Januar spielt im Volksglauben eine besondere Rolle. In den Rauhnächten, auch die Zwölften genannt, sollen allerlei wunderliche Dinge geschehen. Kein Wunder, dass es für diese Zeit allerlei Gebräuche gibt, die Unbill fernhalten oder Glück bringen sollen.

"Die Wilde Jagd" von Johann Wilhelm Cordes, um 1856/57

In vielen Regionen Europas sind Sagen von der Wilden Jagd verbreitet, bei der eine Gruppe von Jägern mit übernatürlichen Kräften über den Himmel jagt. Die Jäger galten gemeinhin als Vorboten für Wetterkatastrophen, Kriege oder Krankheiten. Man sollte sich also hüten, sie zu erblicken. In "Die wilde Jagd bei Königs Wusterhausen" kommt ein Bauersmann allerdings durch beherztes Handeln gut davon.

Laut einer alten Bauernregel entscheidet sich in den Rauhnächten zudem, wie sich das Wetter im folgenden Jahr entwickelt:

Aufs Wetter gib wohl acht von Christtag bis Dreikönigsnacht (6.1.), es zeigt dir, was das Jahr dann wacht.

Wie Märchen und Sagen wurden auch alte Gebräuche seit Jahrhunderten überliefert. Durch eine veränderte Lebens- und Arbeitswelt kommen sie aber heute wohl nicht mehr zur Anwendung. Frauen und Männer suchen sich ihre Lebenspartner lieber selbst aus, anstatt sich auf das Orakel zu verlassen. Das Wetter sagen uns Meteorologen durch das ständige Sammeln von Daten an Wetterstationen voraus. Dem besseren Verständnis halber habe ich die alten Vorschläge in eine etwas modernere Sprache übersetzt. Vielleicht möchten Neugierige das eine oder andere Ritual doch einmal ausprobieren.

Aberglaube in Baruth (Teltow-Fläming)

  • Wer am 1. Januar in Baruth Hühnerfutter in einen Reifen streut, muss keine Sorge haben, dass seine Hühner im kommenden Jahr Eier auf fremde Höfe legt.

Aberglaube in Berlin

  • In Berlin hieß es: Wer in der Silvesternacht mit Lichtern in den Händen vor einen Spiegel tritt und dreimal den eigenen Namen ruft, erblickt im Spiegel die oder den Zukünftigen.

Aberglaube in Biesenthal (Barnim)

  • Frauen und Mädchen aus Biesenthal, die sich für das nächste Jahr einen Mann wünschten, schnitten an Heiligabend die Rinde von altem Käse ab, streuten sie in die Mitte der Stube und tanzten darauf.
Gräber und Grabsteine

Geister sehen auf einem Grab sitzend

  • Wer in Biesenthal in der Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar einen Besen kaufte, sollte reich werden.

  • Eine Fahne sollte man in Biesenthal am Silvestertag mittags nicht am Turm befestigen, denn sonst könnte am nächsten Tag der Blitz dort einschlagen.

  • Mädchen, die wissen wollen, wer ihr Zukünftiger ist, stellen am Silvestertag eine Schüssel mit Wasser auf einem Tisch vor dem Bett auf und legen ein Handtuch, Seife sowie einen Apfel dazu. Dann sagen sie den folgenden Sprch auf: "Apfel, Apfel, sage mir, wer einst mein Gatte sein wird." Daraufhin soll derjenige erscheinen, sich in der Schüssel waschen und wieder verschwinden.

  • Wer sich am Silvestertag um Mitternacht in Biesenthal auf ein Grab setzt, kann die Geister der Toten und Lebenden sehen. Die Geister der Lebenden, die sich umsehen, werden im nächsten Jahr sterben.

  • Viele Flöhe gibt es in Biesenthal, wenn jemand zu Silvester Pferdeäpfel in einen Tanzsaal streut.

Aberglaube im Havelland

  • Im Havelland konnte ein Mädchen herausfinden, ob sie im nächsten Jahr heiraten wird, wenn sie in der Heiligen Nacht und den Hühnerstall klopfte und der Hahn krähte.
Hexagramm an Scheune

Hexagramme an Scheunen sollen Feuer und böse Kräfte abhalten

  • Wollte ein Mädchen im Havelland die Statur ihres Zukünftigen erfahren, musste sie nur ein Holzscheit aus einem Holzhaufen ziehen. Dessen Form sollte die Figur des Mannes entsprechen - lang, kurz, dick oder dünn.

  • Im Havelland durfte in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, den sogenannten Zwölften, kein Dünger auf den Acker gebracht werden. Sonst bestand Gefahr, dass der Wolf in den Schafsstall einbricht und sich über die Schafe hermacht.

  • Dem übermäßige Vermehren von Ratten und Mäusen konnte man im Havelland während der Zwölften vorbeugen, indem man sie nicht bei ihren Artnamen nannte, sondern Dinger, Boonlöper (märkisch-platt für Bodenläufer) oder Langschwänte (Langschwänze).

  • Wer zu Heiligabend oder Weihnachten Gänsebraten genießt, sollte sich einem Havelländer Aberglauben nach das Brustbein genauer anschauen: Wenn dieses weiß ist, wird der Winter kalt. Ist es hingegen rosig, wird er mild.

Aberglaube in der Uckermark

  • Am Heiligabend zwischen 23 Uhr und Mitternacht ließen Mädchen auf dem Ofen Wasser in einem Topf kochen. An der Anzahl der Blasen, die sich auf dem Wasser bildeten, meinten sie zu erkennen, wie lange es noch bis zu ihrer Verheiratung dauert.
St Peter und Paul-Haupteingang

Zahlen neben der Kirchentür versprechen Gewinn

  • In der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr durften keine Hülsenfrüchte gekocht werden, da sonst Ausschlag drohte.

  • Wollten Mädchen den Beruf ihres Zukünftigen wissen, streuten sie um Mitternacht Leinsamen im Kreis aus und legten in dessen Mitte ihr Ohr auf den Boden. Die hörbaren Geräusche sollten den Beruf verraten. Hämmern stand für den Schmied, Hobelgeräusche für den Tischler und Kratzen einer Feder für einen Schreiberling.

  • Ob die Heirat im kommenden Jahr bevorstand, versuchten Mädchen herauszufinden, indem sie im Stall wahllos nach einem Schaf griffen. Bei einem männlichen Schaf war die Hochzeit gewiss.

  • Mädchen mit mehreren Verehrern finden den richtigen heraus, indem sie alle Namen auf Zettelchen schreiben, diese mit Ton zu Kügelchen kneten und in einen Topf mit Wasser geben. Der Ton löst sich in dem Wasser auf. Der Verehrer, dessen Name auf dem ersten aufsteigenden Zettel steht, wird der zukünftige Ehemann sein.

Aberglaube der Wenden (unter anderem in der brandenburgischen Niederlausitz beheimatet)

  • Am Abend des 24. Dezember legen die Kinder für den Schimmel des Christkindes ein Bund Heu am Torweg ab, damit es nicht vergisst, sie zu bescheren.

  • Die Asche aus den Öfen, die im Dezember angefallen ist, soll man als sogenannte Christasche aufheben. Wenn das Vieh Läuse hat, wird ihr Fell damit bestreut und die Läuse verschwinden.

  • Wer wissen möchte, woher der Bräutigam kommt, muss am Heiligabend einen Kirsch- oder einen Pflaumenbaum schütteln bis ein Hund bellt. Woher das Gebell kommt, daher wird der Bräutigam kommen.

  • Wer an Heiligabend ein Licht anbrennt und seinen Schatten nicht sieht, wird im folgenden Jahr sterben.

  • Ein Mädchen, das ihren Zukünftigen sehen möchte, muss am Weihnachtsabend dreimal ums Haus laufen und durchs Fenster sehen. Erblickt sie da einen Mann, wird sie einen Bräutigam bekommen.

Durchsicht

Ein Mann hinterm Fenster bedeutet Heirat

  • Wer am Weihnachtsabend Fisch sowie mit Milch gekochten Mohn isst, bekommt Geld.

  • Nach dem Kirchgang am Heiligabend müssen bei Wind die Obstbäume geschüttelt werden, damit sie im nächsten Jahr gut tragen.

  • Damit die Hühner ihre Eier zu Hause legen, soll am Weihnachtstag um den Esstisch eine Kette gezogen werden und das Hühnerfutter in die Mitte gestreut werden.

  • In der Weihnachtszeit sollen die Hühner nicht mit "put, put" oder "schip, schip" gerufen werden, weil sie ihre Eier sonst nicht zu Hause legen.

  • Wer in der Lotterie gewinnen möchte, soll an Heiligabend um Mitternacht sowie die Turmglocken zu läuten beginnen zur Kirchtür laufen und an der Außenwand wahllos Ziffern hinschreiben. Vor Sonnenaufgang geht man dann nachschauen, welche es sind und kreuzt diese in der Lotterie an.

  • An den Weihnachtsfeiertagen soll man keinen Lärm machen, beispielswiese durch Holz hacken oder stampfen. Es gibt sonst Ratten und anderes Ungeziefer so weit der Lärm zu hören ist.

Aberglaube in der Zauche (Landschaft südwestlich Berlins zwischen Beelitz und Treuenbrietzen)

  • In der Zauche gaben die Menschen am Heiligabend nach Sonnenuntergang keine Milch, keine Butter und auch keinen Käse aus dem Haus, aus Angst, dass ihr Vieh verhext werden könnte.

  • Hexen können in der Zauche vom Hof ferngehalten werden, wenn vor Heiligabend ringsum Dill verstreut wird.


Quellen:

*Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg, H. Prahn, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 1891-01-01, Vol.1, p.178, Berlin: W. de Gruyter 1891
*Havelländer Jahreslauf - Bräuche und Rezepte, Erika Guthjahr, Heimatverlag Guthjahr, Rathenow 1994
*Wendisches Volkstum in Sage, Brauch und Sitte, Wilibald von Schulenburg, Domowina-Verlag, Bautzen 1993