Rathenow - Stadt der Optik im Havelland

Rathenow ist eine Stadt im Landkreis Havelland im Bundesland Brandenburg. Sie wird auch Stadt der Optik genannt, da hier im Jahr 1801 durch Johann Heinrich August Duncker die optische Industrie begründet worden war. Ich besuchte Rathenow im Juni 2022 und lief vom Bahnhof über die Berliner Straße zur Stadtschleuse, war im Optikpark und am Bismarckturm, bis ich nach rund drei Stunden mit vielen Fotos auf der Speicherkarte zurück in den Zug nach Berlin stieg. Sicher habe ich längst nicht alle Sehenswürdigkeiten Rathenows gesehen, doch einige stelle ich hier vor.

Der Dunckerplatz und der Bahnhof

Wer den Rathenower Bahnhof verlässt, kommt als erstes zum Dunckerplatz, der nach dem Begründer der optischen Industrie, Johann Heinrich August Duncker, benannt wurde. Der gebürtige Rathenower hatte als Sohn eines Pfarrers zwar Theologie studiert, begann aber nach seinem Studium im Rathenower Pfarrhaus Brillen und Mikroskope zu produzieren. Rund zehn Jahre später wurde die Pfarrstube zu eng und Duncker eröffnet gemeinsam mit Samuel Christoph Wagener die Optische Industrie-Anstalt, die nach mehrmaligen Umbenennungen und Besitzerwechseln in der DDR zum VEB ROW (Rathenower Optische Werke) und Teil des Kombinats VEB Carl Zeiss Jena wurde. Nach 1990 wurde das Werk aufgelöst. Die Sparte Mikroskoptechnik firmiert noch heute unter ASKANIA Mikroskop Technik Rathenow GmbH.

Rathenow-Dunckerplatz

Johann Heinrich August Duncker begegnet uns auf dem Dunckerplatz in Bronze gegossen als Denkmal: Eine durch den deutsch-italienischen Bildhauer Alexander Calandrelli im Jahr 1885 erschaffene Büste wird durch eine Pfeilerpalisade aus Muschelkalk zur Hälfte umrundet.

Der Rathenower Bahnhof entstand 1870 als Haltepunkt auf der Strecke Berlin-Lehrte. Für das Bahnhofsgebäude wurden Ziegel aus Rathenow verwendet, die von besonders hoher Qualität waren. Fontane schwärmt in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" im Kapitel über Glindow und im Vergleich zu den dort gebrannten Ziegeln:

"Die berühmtesten Steine, die hierzulande gebrannt werden, sind die »roten Rathenower« und die »gelben Birkenwerderschen«. Aber was ihnen ihre Vorzüglichkeit leiht, ist nicht das Material, sondern die Sorglichkeit, die Kunst, mit der sie hergestellt werden. Jedem einzelnen Stein wird eine gewisse Liebe zugewandt."

Neben dem Hauptgebäude wurde 1913 ein Holzbau als separates Empfangsgebäude für die Tochter des Kaisers Wilhelm II. errichtet, denn der Ehemann von Viktoria Luise diente beim Husarenregiment in Rathenow. Damals hieß das Gebäude Fürstenpavillon, heute ist es als Kaiserbahnhof bekannt. Von Rathenow verkehren der RB 34 nach Stendal, der RB 51 nach Brandenburg an der Havel und der RE 4 nach Jüterbog über Berlin beziehungsweise in die andere Richtung nach Stendal. Am Dunckerplatz ist eine Haltestelle für regionale Busse.

Vom Bahnhof zur Stadtschleuse

Vom Bahnhof aus spaziert man gemütlich über die Bahnhofstraße und die Berliner Straße bis zur Stadtschleuse. Unterwegs sind die ehemalige Zietenkaserne in der Bahnhofstraße, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil erbaute Kreishaus in der Berliner Straße und das Kulturzentrum am Märkischen Platz sehenswert. In diesem residiert auch das Optik Industrie Museum (OIMR). Auf dem Märkischen Platz finden mittwochs, freitags und samstags Wochenmärkte statt. Außerdem befindet sich hier ein Einkaufszentrum.

Weiter geht es über die Berliner Straße und die Steinstraße zur Stadtschleuse, die als Schleuse für Sportboote dient. Schon kurz vorher ist das Schleusenwärterhäuschen an der Brücke über den Stadtkanal zu sehen - ein kleines Schmuckstück, das einst im neugotischen Stil erbaut und zur Landesgartenschau restauriert wurde.

Rathenow-Schleusenwärterhäuschen
Rathenow-Kurfürstendenkmal
Rathenow-Schleusenspucker am Stadtkanal und St.-Marien-Andreas-Kirche

Links vom Schleusenwärterhäuschen steht auf dem Schleusenplatz das barocke Sandsteindenkmal des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Es wurde in den Jahren 1736 bis 1738 von Johann Georg Glume nach einer Vorlage von Bartholomé Damart erschaffen und soll an die gewonnene Schlacht 1675 bei Fehrbellin gegen die Schweden im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg erinnern.

Weniger ernst geht es ein Stück weiter in Richtung Alter Hafen bei den Schleusenspuckern zu. Drei Figuren aus Bronze stellen Tagelöhner dar, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Rathenower Hafen auf die Lastkähne warteten, um beim Entladen zu helfen. Die Schleusenspucker sind das Werk des Rathenower Bildhauers Volker Michael Roth, der unter anderem die Figuren am Sagenbrunnen in Lübbenau geschaffen hat.

Vom Alten Hafen aus sieht man über den Stadtkanal hinweg bereits den Turm der Kirche St. Marien Andreas, die man über eine Fußgängerbrücke erreicht.

Die Kirche St. Marien Andreas und der Kirchplatz

Wo sich bedeutende Industriebetriebe befanden, kam es im Zweiten Weltkrieg zu besonders starken Zerstörungen. So auch in Rathenow, sodass von der ursprünglichen Altstadt heute eigentlich nur noch der Kirchplatz gegenüber des Alten Stadthafens erhalten ist. Rings um die evangelische Kirche St. Marien Andreas stehen einige alte Häuser. In einem davon wurde Johann Heinrich August Duncker geboren und hier richtete er ab 1800 auch seine erste optische Werkstatt ein.

Auf dem Kirchplatz stand bereits im 11. Jahrhundert eine Holzständerkirche. Rund 200 Jahre später wurde diese durch eine Kreuzkirche aus Stein ersetzt, die wiederum rund 200 Jahre später zur Hallenkirche umgebaut wurde. Den Krieg hat die Kirche fast unversehrt überlebt, doch kurz vor Kriegsende brannte sie 1945 fast komplett aus. Ihre heutige Pracht verdankt sie dem Wiederaufbau und der Rekonstruktion ab Mitte der 1990er Jahre.

Die ältesten Wohnhäuser Rathenows sind das alte Küsterhaus am Kirchplatz 6 und sein Nachbarhaus. Seit 1575/76 schauen ihre Bewohner bereits auf den Kirchplatz.

Rathenow-Kirchplatz-Geburtshaus von Johann Heinrich August Duncker
Rathenow-St.-Marien-Andreas-Kirche
Rathenow-Kirchplatz

Der Optikpark und die Weinbergbrücke

Zum Optikpark läuft man vom Kirchplatz entweder über die Steinstraße und den Schwedendamm oder man überquert den Stadtkanal wieder über die Fußgängerbrücke und läuft über den Havelweg entlang des Stadtkanals und der Havel bis zur Weinbergbrücke. Die geschwungene Holzbrücke ist noch relativ neuen Datums, denn sie wurde erst im Jahr 2012 erbaut. Sie führt über die Havel und Hellers Loch und ist 348 Meter lang.

Der Optikpark wurde zur Landesgartenschau in Rathenow 2006 eröffnet und zur Bundesgartenschau 2015 erweitert. Er liegt auf der Schwedendamminsel und ist 11 Hektar groß. Es handelt sich weitestgehend um einen Landschaftspark mit optischen Exponaten. Bei ausreichendem Wasserstand können von hier aus Havelfloßfahrten unternommen werden. Als ich Rathenow besuchte, war dies aufgrund des niedrigen Pegels nicht möglich.

Rathenow hat den höchsten Leuchtturm Brandenburgs. Im Jahr 2009 wurde er in der Havel am Optikpark nahe des Haupteingangs errichtet. Warum braucht eine Stadt im Binnenland einen Leuchtturm, wird sich manch einer fragen. Es gibt dafür einen triftigen Grund: In Rathenow wurden Linsensysteme produziert, mit denen Leuchttürme in aller Welt ausgestattet sind. Der Turm gilt als Reminiszenz.

Ein Highligt im Optikpark nahe der Weinbergbrücke ist das Brachymedialfernrohr, das der Ingenieur Edwin Rolf entwickelt hat. Es gilt als das größte Fernrohr seiner Art weltweit.

Rathenow-Optikpark-Leuchtturm
Rathenow-Weinbergbrücke

Der Bismarckturm auf dem Weinberg

Vom Optikpark geht es über die Weinbergbrücke zum Weinberg und damit zum Bismarckturm. Der Turm ist 32 Meter hoch und wurde 1914 zu Ehren von Otto von Bismarck eingeweiht.Ein Aufstieg ist derzeit nur für größere Gruppen nach Anmeldung im Optikpark möglich.

Denkmäler in Form von Türmen zu Ehren Otto von Bismarcks waren seit der Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 sehr beliebt. Der Rathenower Bismarckturm ist daher nur einer von heute 173 Bismarcktürmen weltweit. 146 davon stehen in Deutschland. In Brandenburg sind es außer dem in Rathenow noch acht, und zwar in Bad Freienwalde, Booßen und Lichtenberg (Ortsteile von Frankfurt/Oder), Brandenburg an der Havel, Burg im Spreewald, Pritzwalk, Spremberg und Zehdenick.

Rathenow-Bismarckturm

Radtouren rund um Rathenow

In Rathenow endet die dritte und beginnt die vierte Etappe des Havelland-Radwegs, welcher über 142 Kilometer von Berlin-Spandau nach Havelberg führt. Außerdem kommt man auf der insgesamt 1.111 Kilometer langen Tour Brandenburg und auf dem 371 Kilometer langen Havel-Radweg durch die Stadt.

Die Etappe 3 des Havelland-Radwegs ist 59 Kilometer lang. Sie beginnt in Brandenburg an der Havel. Weiter geht es rund um die Westliche Havelseenplatte durch Plaue und Pritzerbe sowie über Milow bis nach Rathenow. Zwischendurch hat das Rad eine Pause, denn bei Pritzerbe wird die Havel mit einer Fähre überquert.

Etappe 4 führt über 42 Kilometer von Rathenow über Stechow, Senzke und Paulinenaue bis nach Ribbeck, das sicher vielen durch Theodor Fontanes Ballade Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland ein Begriff ist. Laut Auskunft auf der Radkarte "Radzeit", die durch den Tourismusverband Havelland e. V. herausgegeben wurde, führt die Strecke über eine breite, asphaltierte Fahrradstraße und durch ruhige Alleen.

Wanderungen im Rathenower Stadtforst

Rathenow bietet mit mehreren Wanderwegen durch den Stadtforst hervorragende Bedingungen für kurze und längere Wanderungen. Die längste Strecke ist mit acht Kilometern der Eschhorstwanderweg, der an einem Wanderparkplatz am Ferchesarer Weg beginnt und durch Kiefern- sowie Laubmischwäldern zum Eschhorstgestell führt, einem Waldstück mit vielfältigem Baumbestand. Wer möchte, macht einen Abstecher zum Rauhen Berg, der mit 42,7 Metern über Normalnull die zweithöchste Erhebung im Stadtforst ist.

Zum Markgrafenberg führt der 7,5 Kilometer lange Markgrafenwanderweg. Start ist am Wanderparkplatz Bammer Landstraße. Von hier aus läuft man über die Alte Heerstraße, entlang des Naturschutzgebiets Rodewaldsches Luch bis auf den Gipfel des Markgrafenbergs, auf dem die Waldemareiche bewundert werden kann. Die Eiche wurde zur Erinnerung an den Markgrafen Waldemar im 19. Jahrhundert gepflanzt. Mit einer Höhe von 64,3 Metern ist der Markgrafenberg die höchste Erhebung im Stadtforst. Wer nachts zum Markgrafenberg wandert, sollte Ausschau nach dem feuerspeienden Pferd halten, von dem Adalbert Kuhn in der Sage Der Markgrafenberg erzählt.

Kürzere Wanderungen zwischen drei bis fünf Kilometern sind auf dem Naturlehrpfad, auf dem Ferchesarer Weg und auf dem Husarenwanderweg möglich. Die Stadt Rathenow hat die Routen in der Broschüre Wanderungen durch den Rathenower Stadtforst veröffentlicht, die auf der Website der Stadt heruntergeladen werden kann.

So kommst du nach Rathenow

Bei Rathenow kreuzen sich die Bundesstraßen B 102 und B 188. Von Berlin aus sind es etwa 90 Kilometer über die B 5 bis kurz vor Friesack und dann weiter über die B 188. Über die Autobahnen A15 und A10 Richtung Brandenburg Havel und die B 102 sind es circa 114 Kilometer.

Bequem erreicht man Rathenow mit der Bahn. Mit dem RE 4 dauert die Fahrt ab Bahnhof Südkreuz weniger als eine Stunde und zwanzig Minuten. Der Zug hält auch am Potsdamer Platz, am Hauptbahnhof, am S-Bahnhof Jungfernheide und in Spandau. Er verkehrt täglich und ungefähr jede Stunde.

Lesetipps

  • bikeline-Radtourenbuch Havel-Radweg: Mit Havelland-Radweg. Von der Mecklenburgischen Seenplatte an die Elbe, Maßstab 1:50.000, Verlag Esterbauer GmbH (Direktsuche bei Amazon*)
  • bikeline-Radtourenbuch Radfernweg Hamburg-Berlin: Von der Hansestadt in die Hauptstadt. Mit Havelland-Radweg, Maßstab 1:75.000, Verlag Esterbauer GmbH (Direktsuche bei Amazon*)
  • bikeline-Radtourenbuch Radfernweg Tour Brandenburg: Rund um Berlin durch ganz Brandenburg, Maßstab 1:75.000, Verlag Esterbauer GmbH (Direktsuche bei Amazon*)
  • Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben, Adalbert Kuhn, Reimer, Berlin 1843, Nachdruck: CreateSpace Independent Publishing Platform 2013 (Direktsuche bei Amazon*)
  • Rathenow. Eine historische Bilderreise, rund 200 Fotografien erinnern an den Alltag der Menschen zwischen Arbeit und Freizeit (Sutton Archivbilder), Hrsg: Bettina Götze und Sylvia Wetzel, Sutton 2020 (Direktsuche bei Amazon*)
  • Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Theodor Fontane, Anaconda Verlag 2019 (Direktsuche bei Amazon*)

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